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Sinn und Sinnlichkeit
Wie die Pille Gefühle, Sinneseindrücke und Schmerzempfinden verändert
Stichworte: hormone, Pille verändert Gehirn, Depression, Verhütungspräparate

Psychiater erkennen immer deutlicher, dass der Hormonstoffwechsel an Geisteskrankheiten beteiligt ist. Inzwischen werden auch weibliche Sexualhormone zur Behandlung psychischer Erkrankungen genutzt. Das sollte aufhorchen lassen. Denn was, so muss man fragen, richten dann die Sexualhormone in der Pille in den Köpfen gesunder Frauen an? Vieles, und viel Unbekanntes lautet die Antwort der Wissenschaft.
In Studien über Medikamente, die den Gehirnstoffwechsel beeinflussen, bekommt man es mit einer Art Apartheid für Pillennutzerinnen zu tun: Sie sind als Probandinnen höchst unerwünscht. Viele Wissenschaftler haben nämlich erkannt, dass die Einnahme der Pille ihre Beobachtungen erheblich verfälscht, weshalb sie weibliche Testpersonen bevorzugen, die auf andere Art verhüten. Außerdem erhalten Diagnosefragebögen, die Geisteskrankheiten und psychische Störungen bei Frauen untersuchen, seit neuestem einen Zusatz, der ausdrücklich die Einnahme der Pille berücksichtigt (1). Was bedeutet das für Frauen, die die Pille einnehmen? Man muss davon ausgehen, dass wichtige geistig-kognitive und emotionale Verarbeitungsprozesse im Gehirn durch die Einnahme von Sexualhormonen beeinflusst werden.
Weitsichtige Kritiker unter den Wissenschaftlern haben bereits früh vereinzelt darauf hingewiesen, welche Nebenwirkungen hier die hormonelle Verhütung haben könnte. Das Thema wurde jedoch lange vernachlässigt und auch neue Studien dazu sind rar. Erst in diesem Frühjahr wurde im Institut für Neurowissenschaften der Universität im englischen Newcastle upon Tyne eine Untersuchung gestartet, die die Wirkung von weiblichen Sexualhormonen auf deren Bindungsstellen im Gehirn untersuchen will, denn – so der Hinweis - die Effekte der Pille seien in dieser Hinsicht noch kaum erforscht (2).
Hormonell verstimmt
Frauen, die die Pille wieder absetzen, geben als häufigsten Grund eine Depression an, die sie unter der Pille entwickelt hatten. Schon vor drei Jahrzehnten hieß es, dass depressive Verstimmungen im Zusammenhang mit der Pille beobachtet würden, die Gründe dafür seien jedoch weitgehend unbekannt (3). Inzwischen kennt man Wirkweisen der in der Pille enthaltenen Hormone, die dies erklären könnten. Die meisten hormonellen Verhütungspräparate enthalten eine Östrogen-Gestagen-Kombination, es gibt auch Monopräparate mit nur einem Wirkstoff aus diesen Substanzgruppen. Östrogene und Gestagene sind weibliche Sexualhormone, es gibt eine Vielzahl von künstlichen und natürlichen Abkömmlingen und Verwandten. In der Pille werden sie verwendet, um nicht zuletzt im Gehirn verschiedene Regelkreise von Hormonen zu unterbrechen, die sonst natürlicherweise bei der Frau in fruchtbaren Jahren dafür sorgen, dass in monatlichen Abständen ein Ei in den Eierstöcken heranreift. Kein Eisprung, keine Schwangerschaft, so lautet die einfache Formel.
Diese beiden Hormongruppen sind indes ebenfalls in Regelkreise von Nervenbotenstoffen eingebunden, die als wichtige Kontrolleure der Gefühlswelt gelten. Gestagene können zum Beispiel im Gehirn die Konzentration von Serotonin verringern. Serotoninmangel aber geht mit Depressionen einher und Präparate, die den Spiegel an Serotonin im Gehirn erhöhen – so genannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) – gelten als eine der Hauptwirkstoffgruppen unter den Antidepressiva. Man hat sogar herausgefunden, dass bei Frauen mit einer ganz bestimmten genetischen Variante, ein Transportmechanismus der Zellen für Serotonin von hormonellen Verhütungsmitteln beeinflusst wird (4).
Wechselbäder der Gefühle
Ebenfalls noch jung sind die Erkenntnisse, dass weibliche Sexualhormone, wie sie in Pillenpräparaten verwendet werden, auch den Stoffwechsel der Endorphine, die auch als körpereigene Opiate oder Glückshormone bezeichnet werden, verändern (5). Vor allem Gestagene können schließlich auch Bindungsstellen der Gamma-Aminobuttersäure (GABA) beeinflussen, ebenfalls ein wichtiger Nervenbotenstoff des Gehirns, der vor allem bei Ängsten eine Rolle spielt. Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine entfalten an GABA-Bindungsstellen ihre angstlösende Wirkung (6).
Was theoretisch plausibel erscheint, wurde auch praktisch bestätigt: Eine australische Forschergruppe um Jayashiri Kulkami von der Monash Universität in Victoria hat in einer Vergleichstudie zeigen können, dass depressive Symptome bei Anwenderinnen der Pille doppelt so häufig vorkommen wie bei ihren Geschlechtsgenossinnen, die keine derartigen Hormonpräparate verwenden (7). Sie bestätigte, worüber viele Frauen sich bereits in Plattformen im Internet rege austauschen: Die Pille drücke sie nicht nur nieder, sie fühlten sich auch eher reizbar, fingen mitunter grundlos an zu weinen, andere wiederum beklagen unerklärliche Angstgefühle (8). Auch solche Beschwerden fanden schon früher in den Ausführungen von Wissenschaftlern Widerhall. Sie stellten zudem fest, dass manchen unter der Pille ihre emotionale Schwingungsfähigkeit abhanden kommt: ihnen fehlen die Hochs und Tiefs der Gefühle. Wieder andere reagieren unter dem Einfluss der künstlichen Hormone besonders bei Stress aggressiver und haben sich weniger unter Kontrolle (9).
Pille im Bauch, Schmerzen im Kopf
Die Pille verändert nicht nur Gefühle, sondern auch das Schmerzempfinden von Frauen. Dieser brandaktuelle Befund, der zuvor noch nicht in dieser Schärfe formuliert wurde, stammt aus dem Team um Taraneh Rezaii aus dem Karolinska Intititut in Schweden. Dort hat man untersucht, wie Frauen auf Schmerzen, die durch Kältereize hervorgerufen werden, reagieren. Jene, die keine Hormone zur Verhütung benutzen, lernten bei wiederholten Schmerzreizen, diesen zu modulieren, gleichsam damit umzugehen. Bei den Anwenderinnen der Pille zeigte sich hingegen, dass der Körper nicht so effektiv mit Schmerzen umgehen kann (10). Es wurde ebenfalls offenbar, dass dies mit dem durch die Pille veränderten Spiegel an körpereigenem Östrogen zusammenhängt. Das deckt sich mit Beobachtungen, wonach bei Frauen das Schmerzempfinden auch während des natürlichen Zyklus schwanken kann, also sehr genau auf die Hormonkonzentration reagiert.
In diesem Zusammenhang sollte man nicht übersehen, dass Frauen im Hinblick auf Schmerzempfinden – im Vergleich zu Männern – es offenbar ohnehin schwerer haben. Viele chronische Schmerzzustände sind bei Frauen häufiger anzutreffen. Das betrifft zum Beispiel chronische Kopfschmerzen und Schmerzen im Bereich des Kiefergelenkes, die bei Frauen doppelt so häufig vorkommen wie bei Männern. Fibromyalgien, schwer beeinflussbare Schmerzen in Muskeln und Bindegewebsstrukturen, findet man in der weiblichen Bevölkerung sogar achtmal häufiger als in der männlichen.
Mit allen Sinnen genießen …
…. kann „frau“ unter der Pille womöglich auch nicht mehr. Nicht nur Gefühle und Schmerzen unterliegen dem Einfluss von Hormonen, auch Sinneswahrnehmungen werden von ihnen mit gesteuert. Frauen reagieren zum Beispiel insgesamt empfindlicher auf manche Gerüche als Männer. Ein interdisziplinäres Forscherteam von der Universität in Catania in Italien hat das Riechvermögen von Frauen unter der Pille getestet. Ihre Empfindlichkeit, auf Düfte und Gerüche zu reagieren – verwendet wurden zum Beispiel Nelken, Anis, Stickstoff oder Zitrone –, erreichte das Niveau der Vergleichsgruppe, die nicht hormonell verhütete nicht. In der Phase um den Eisprung reagierten die Sinneszellen der Nase am besten (11).
Auch das, was „frau“ hört, ist je nach Hormoneinfluss, dem sie unterliegt, nicht dasselbe. Die Pille hat offenbar einen vermännlichenden Effekt auf einige Strukturen des Hörsystems. Es ist zudem von vereinzelten Hörverlusten unter der Pille berichtet worden. Zumindest für die Hormonersatztherapie – die erst bei älteren Frauen in den Wechseljahren eingesetzt wird aber aus ähnlichen Hormonkombinationen besteht wie die Verhütungspille – konnte experimentell an Mäusen nachgewiesen werden, dass sie zu Hörverlusten führt. Es stellte sich heraus, dass die feinen Haarzellen geschädigt werden. Das sind jene akustischen Sinneszellen im Innenohr, die uns den Schall in elektrische Impulse für das Gehirn umwandeln (12).
Alles nur Einbildung?
Leider gibt es keine verlässlichen wissenschaftlichen Daten darüber, wie viele Frauen, die mittels Pille verhüten, unter den genannten Beschwerden leiden oder einschlägige Veränderungen bei sich beobachten. Genügend Testpersonen hätte es längst gegeben, denn die Pille wurde schon vor einem halben Jahrhundert zugelassen – zuerst 1960 in den USA, in Europa 1961 als erstem Land in West-Deutschland´. Die Schwierigkeit besteht darin, dass häufige und vergleichsweise wenig fassbare Stimmungsschwankungen auf viele Faktoren zurückgeführt werden können und nicht immer mit dem Einnehmen der Pille in Zusammenhang gebracht werden.
Dem Versuch, die Ursache allein bei den Frauen zu suchen, sollte man aber energisch entgegentreten. Immer wieder wird geäußert, Depressionen bei Pillennehmerinnen seien rein psychisch bedingt. Oder es heißt, nur jene, die bereits „disponiert“ seien, reagierten mit solchen Erkrankungen, nach dem Motto: „Du warst schon vorher neurotisch, die Pille bringt es nur an den Tag“ (13). Dem widersprechen schon die Vergleichsstudien, denn hier wurde klar gezeigt, dass auch vollkommen gesunde junge Frauen, die zuvor keinerlei psychische Auffälligkeiten zeigten, erst durch die Pille krank wurden.
Der GAU im Kopf
Im Fall einer 11-Jährigen, die die Pille wegen starker Blutungen während ihrer Periode erhielt, offenbarte sich das Gefahrenpotential früher Hormongaben. Das Mädchen entwickelte ein Psychose, eine schwerwiegende geistige Verwirrtheit, wie sie sich sonst etwa bei schizophrenen Patienten findet. Das sollte, so hieß es warnend in der medizinischen Beschreibung des Falls, zur Vorsicht mahnen. Insbesondere in jungen Jahren könnte sich zuviel Östrogen dramatisch auf das Gehirn auswirken.
Quelle: Gynecological Endocrinology 2007, Bd. 23 (6):361-362Quellen:
1) Martini J: New women-specific diagnostic modules: the Composite
International Diagnostic Interview for Women (CIDI-VENUS). Archives of
Women’s Mental Health 2009; 12 (5):281-289
2) Institute of Neuroscience – Newcastle Biomedicine / Newcastle University, Newcastle upon Tyne NE1 7RU, United Kingdom (www.ncl.ac.uk)
3) Glick ID, et al: Psychiatric complications of progesterone and oral contraceptives. Journal of Clinical Psychopharmacology 1981; 1 (6):350-367
4) Bishop JR, et al: The association of serotonin transporter genotypes and SSRI-associated sexual side effects: possible relationship to oral contraceptives. Human Psychopharmacology 2009; 3:207-215
5) Pluchino N, et al: Selective effect of chlormadinone acetate on brain allopregnanolone and opioids content. Contraception 2009; 80:53-
6) Andréen L, et al: Sex steroid induced negative mood may be explained by the paradoxical effect mediated by GABAA modulators. Psychoneuroendocrinology 2009; 34:1121-1132
7) Kulkarni J: Depression as a side effect of the contraceptive pill. Expert Opinion in Drug Safety 2007; 6(4):371-374
8) Beispiele unter www.aphroditewomenshealth.com/news/hormones_depression.shtml
9) Robino-Watkins M, et al: Oral Contraceptive Use: Implications for Cognitive and Emotional Functioning. The Journal of Nervous & Mental Diseases 1999; 187(5):275-280
10) Rezaii T, et al: Influence of oral contraceptives on endogenous pain control in healthy women. Experimental brain research 2010, DOI:10.1007/s00221-010-2246-y
11) Caruso S, et al: A prospective study evidencing rhinomanometric and olfactometric outcomes in women taking oral contraceptives. Human reproduction 2001; 16:2288-2294
12) Price K, et al: Homone replacement therapy diminishes hearing in peri-menopausal mice. Hear research 2009; 252:29-36
13) Robinson SA, et al: Do the emotional side-effects of hormonal HC come from pharmacologic or psychological mechanisms? Medical Hypotheses 2004; 63:268-273 sowie ergänzend Contraception 2009; 79(1):50-55




