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Sind so viele Spermien...

Sind so viele Spermien ……

Warum die Verhütung mit Hormonen beim Mann nicht funktioniert

Seit 40 Jahren versuchen Forscher, eine „Pille“ für den Mann zu entwickeln – und sind doch stets gescheitert. Derzeit haben Männer immer noch keine Verhütungsalternative zu Kondomen oder einer Operation (Vasektomie). Es gibt viele Gründe, warum „mann“ noch lange auf ein maßgeschneidertes Hormonmittel zur Verhütung warten muss.

Der jüngste Fehlschlag ist eng mit einem deutschen Forschungszentrum verknüpft. Die Spur führt nach Münster, ins CeRA, ins Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (Männerheilkunde). Unter Federführung dieses Institutes startete dort Ende 2009 eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), um – wieder einmal, müsste man sagen – eine hormonelle Verhütungsmethode für Männer zu testen. Insgesamt gab es weltweit bereits über 60 solcher Studien in Kliniken. Allen gemeinsam ist das Scheitern. Diesmal musste die Studie im Jahr 2011 sogar vorzeitig abgebrochen werden, weil zu viele Männer – 10 Prozent der Testpersonen – über erhebliche Nebenwirkungen klagten. Zwar betonten die beteiligten Forscher, darunter auch Professor Dr. Hermann Behre vom Universitätsklinikum in Halle, dass die Hormonspritze immerhin bei neun von zehn Männern funktioniert habe, er räumte indes ein: „Aber insgesamt ist der Anteil der Unverträglichkeit zu hoch“, und „Die Erwartungen sind nicht erfüllt worden“ (1/2).

Gescheitert – und nicht nur einmal

Im Rahmen dieser WHO-Studie erhielten weltweit 400 Männer im Abstand von zwei Monaten eine Depotspritze mit Testosteron. Testosteron ist das Männlichkeitshormon schlechthin und kurbelt beim Mann eigentlich die Spermienproduktion an. Deshalb klingt es eigentlich paradox, dass man damit verhüten will. Das versteht man erst, wenn man weiß, dass beim Mann der Spermienproduktionsprozess – wie auch die Eireifung der Frau – mit der Steuerung im Gehirn anfängt. Über Hormone aus dem Hypothalamus, einem wichtigen Zentrum für die Hormonregulation, werden weitere Hormone aus der Hirnanhangdrüse freigesetzt. Diese „befehlen“ bestimmten Zellen im Hoden – den Leydigzellen – Testosteron herzustellen und abzugeben. Dieses Testosteron setzt schließlich vor Ort die Entwicklung der männlichen Samenzellen in Gang – pro Tag sind es rund 20 Millionen. Das Testosteron gelangt jedoch auch ins Blut – aber die Konzentration im Hoden ist 100 bis 200fach höher. Das im Blut befindliche Testosteron meldet schließlich ans Gehirn zurück: Es reicht, es ist genügend Hormon vorhanden. Gibt man nun Testosteron von außen, so wird dem Gehirn ständig vorgegaukelt, es sei genügend Testosteron im Blut, es rudert seine Steuerungshormone zurück, im Hoden, wo mindestens die Hundertfache Menge benötigt würde, unterbleibt die Samenproduktion (3). Soweit die schöne Theorie.
In der Praxis hat sich gezeigt, dass bestenfalls ostasiatische Männer auf diese Form der Verhütung ausreichend reagieren. Bei so genannten Kaukasiern – z.B. Europäer und von Europäern abstammende Amerikaner – ist eine reine Testosteronverhütung weit weniger wirksam, wahrscheinlich wegen des genetisch unterschiedlichen Hormonprofils. Deshalb setzt man an anderen Schaltstellen mit weiteren Hormonen an, um die Entwicklung von Samenzellen zu stören. Theoretisch gibt es rund zehn solcher Ziele, die mittels Hormonen umgepolt werden könnten – vom Gehirn über die Hirnanhangdrüse, den Hoden, den Nebenhoden und dem Weg der Spermien im Samenleiter durch die Prostata bis zur Harnröhre. Am ehesten setzen die Wissenschaftler auf die Beigabe von weiblichen Geschlechtshormonen – Gestagenen (4). So auch in der jüngsten WHO-Studie: In der Testosteronspritze war zusätzlich ein Gestagen enthalten, das als Hauptursache der Nebenwirkungen gilt.

Depressionen, Libidoschwankungen, Akne …..

Die Klagen der Männer bezogen sich auf psychische Veränderungen wie depressive Verstimmungen, verminderte Libido und Gewichtszunahme. „Die Nebenwirkungen treten bei einer normalen Testosteronersatztherapie für Männer nicht auf und Gestagene in der entsprechenden Dosis sind dem männlichen Körper praktisch unbekannt“, lautet die Erklärung vom Leiter der Studie, Professor Dr. Michael Zitzmann. Er sieht die Ursache deshalb beim Gestagenanteil des Mittels (2). Allerdings trägt auch Testosteron zu unangenehmen Effekten im Rahmen einer Hormonverhütung bei: So kommt es vermehrt zu Akne, der Fettstoffwechsel und die Gerinnungsfähigkeit des Blutes kann beeinträchtigt werden, mitunter klagen die Männer über Kopfschmerzen, vermehrte Schweißausbrüche und über die Ausbildung einer weiblichen Brust (weil Testosteron vom Körper auch in weibliche Sexualhormone umgewandelt werden kann). Da schließlich Testosteron auch ein Wachstumsanreiz für Krebszellen der Prostata ist, steht die Befürchtung im Raum, dass eine jahrelange Testosterontherapie zur Verhütung schlummernde Prostatatumoren wecken könnte – eine Vermutung, die bislang nicht überprüft werden konnte, weil die enttäuschenden Ansätze es noch nie zu einer anhaltenden Behandlung geschafft hatten (5).
Irritierend sind für manche Männer auch die extremen Schwankungen im emotionalen Erleben, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, wie sie sonst eher Frauen zugeschrieben wird (s. S. 3). Flutet das Testosteron an – wenn „mann“ die Spritze erhält – fühlt er sich als King, hat mehr Energie, ist sexuell leichter zu stimulieren, kommt sich durchsetzungsfähiger und kontaktfreudiger vor. Nur um dann – gegen Ende der Depotwirkung – in ein regelrechtes Stimmungstief mit geringerem Selbstwertgefühl zu fallen. Das sind aber nicht alle Nachteile der hormonellen Verhütung für den Mann.

Keine Ruck-Zuck-Schluck-Pille für Männer

Bis die Wirkung einsetzt, bis die Samenzellproduktion auf ein Niveau gesunken ist, das keine Befruchtung mehr möglich machen soll, dauert es einige Monate. Das ist nicht nur für den One-night-stand ein wenig zu lang, die Verwirklichung so mancher intimen Beziehung könnte sich enttäuschend verzögern. Es verwundert daher nicht, dass in der genannten WHO-Studie und in anderen einschlägigen Untersuchungen eher Familienväter in stabilen Beziehungen die Adressaten der Hormonverhütung sind – der Nutzen beschränkt sich damit auf ein bestimmtes Männerkollektiv.
Auch die Verabreichung der Hormone ist nicht so einfach. Die Bezeichnung „Antibabypille für den Mann“, die man mitunter liest, führt bereits in die Irre: Um eine „Pille“ für den Mann kann es gar nicht gehen, denn die meisten Hormone, die hierfür in Frage kommen, eignen sich nicht zum Schlucken. Eher müsste es „Spritze“ oder „Depot“ oder „Hautpflaster“ heißen, denn das sind die gängigsten Arten, Testosteron zu verabreichen. Die orale Gabe als Tablette oder Kapsel funktioniert nicht gut, weil man sehr hohe Dosen geben müsste, um dem Abbau durch die Leber entgegenzuwirken. Zum Vergleich: Der Körper produziert etwas sieben Milligramm Testosteron pro Tag, man müsste jedoch 400 bis 600 Milligramm schlucken. Zwar vermeiden bestimmte chemische Veränderungen in der Darreichungsart diesen Lebereffekt, aber trotzdem schwanken die Blutspiegel, die Wirkung bleibt wenig kalkulierbar. Deshalb erhalten die Männer in Abständen von mehreren Wochen bis zu drei Monaten eine Spritze als Injektion in den Muskel – derzeit die häufigste Art der Darreichung. Man kann es auch als Depot unter die Haut implantieren, aus dem kontrolliert regelmäßig Testosteron abgegeben wird, die Wirkdauer beträgt dann etwa vier bis fünf Monate. Auch die Behandlung mit Pflastern oder Gels ist möglich, sie reizen allerdings mitunter die die Haut, das Gel muss häufig aufgetragen werden (6/7).

Abermillionen sind zu unterdrücken

Ein gesunder Mann produziert am Tag rund 20 Millionen Samenzellen. Ein Samenerguss enthält oft mehrere Millionen Samenzellen pro Milliliter (8). Es ist umstritten, ob eine verlässliche Verhütung erst dann erzielt wird, wenn erkennbar keine Samenzellen mehr vorhanden sind (Azoospermie) oder ob es genügt, die Zahl der Spermien lediglich soweit zu verringern, dass eine Befruchtung „unwahrscheinlich“ wäre (9/6). Da aber eine einzige Samenzelle prinzipiell ausreicht, um eine Eizelle zu befruchten, ist „unwahrscheinlich“ womöglich zu „unsicher“. Bedenkt man, dass nicht nur „mann“, sondern auch „frau“ sich möglichst sicher sein möchte, dürfte dies für ein gewisses Misstrauen sorgen.
Was die Akzeptanz der Methode angeht, so lässt sich auch hier nur theoretisch spekulieren, es ist ja noch kein Mittel auf dem Markt. Zwar wird zugunsten der männlichen Verhütung ins Feld geführt, fast die Hälfte der Frauen würden laut Befragung von Stichproben eine solche Methode befürworten und mindestens ein Viertel der Männer könnte sich das vorstellen (10). Aber das basiert eben auf einem „wenn es sie denn gäbe“, einer in die Zukunft projizierten Möglichkeit. Wie es mit dem Vertrauen aussähe, wenn es mit der Entscheidung tatsächlich ernst würde, weiß man noch nicht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Solange wird man sich mit Prophezeiungen und Ankündigungen zufrieden geben müssen. Und diese gab es schon immer, wenn es galt, einen neuen Anlauf zu nehmen. Schon vor fünf Jahren hieß es: „Das Medikament ist da“, und das einzige, was noch für die Zulassung fehle, seien „ein paar“ vom Gesetz vorgeschriebene Studien. Das war 2007 (11). Dennoch hat man neue Studien erfolglos beenden müssen. Inzwischen ist zumindest eine Gruppe zermürbt von den jahrzehntelangen Misserfolgen, die pharmazeutische Industrie. Keine der 43 Pharmafirmen im Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller in Berlin (VBA) arbeitet derzeit an einem solchen Produkt. Die Forscher möchten indes nicht klein beigeben, wie Zitzmann bekräftigt: „Es gibt nämlich noch eine ganze Reihe von vielversprechenden Ideen“. Auf der Homepage seines Zentrums werden weiterhin freiwillige männliche Probanden gesucht.

Quellen:

  • 1) www.sueddeutsche.de/wissen/2.220/verhuetung-anti-baby-spritze-fuer-den-man-scheitert-1.1126834
  • 2) http://campus.uni-muenster.de/camus-news.html?&newsid=891&cHash=a26d687f71b18ea1b5280ed8359832ae
  • 3) Roth MY, Amory JK: Pharmacologic Development of Male Hormonal Contraceptive Agents. Clinical Pharmacology & Therapeutics 2011; Bd.89 (1):133-136
  • 4) Ilani N, et al: Male hormonal contraception: Potential risks and benefits. Reviews in Endocrine and Metabolic Diseases 2011; 12:107-117
  • 5) Cheng CY, Mruk DD: Male contraception: Where do we go from here? Spermatogenesis 2011; Bd. 1 (4):281-282
  • 6) Liu PI, et al: Recent methodological advances in male hormonal contraception. Contraception 2010; Bd. 82(5): 471-475
  • 7) www.springermedizin.at/artikel/23330-testosteronsubstitution-fuer-wen-wann-womit
  • 8) Gottardo F, Kliesch S: Ejakulatdiagnostik. Der Urologe 2011; 50:101-108
  • 9) Bürger B: Pille oder Hormondepot für den Mann?
  • www.netdoktor.at/sex_partnerschaft/fakta/pille_mann.shtml
  • 10) Glasier A: Acceptability of contraception form en: a review. Contraception 2010; Bd. 82(5):453-456
  • 11) “Mein Mann nimmt die Pille”. Feature von M. Aust in: Kölner Stadt-Anzeiger 2. Juni 2007: www.michael-aust.de/?p=227

Zum Nachdenken

Verhütung: Leidensfähigkeit statt Leidenschaft?

Professor Dr. Eberhard Nieschlag ist ein viel geachteter Hormonspezialist und war lange Zeit Direktor am Institut für Reproduktionsmedizin der Max-Planck-Gesellschaft an der Universität Münster. Er wurde zur „Pille für den Mann“ befragt, insbesondere wollte man von ihm wissen, warum Studien an Männern wegen Nebenwirkungen abgebrochen werden, die man bei der Pille für die Frau hinnimmt. Nieschlag ist der Ansicht, dass die Arzneimittel-Zulassungsbehörden und Gremien wie Ethikkommissionen bei Frauen eher Nebenwirkungen in Kauf nehmen, Frauen würden als „leidensfähig“ akzeptiert.
„Leidensfähig“ soll „man“ oder „frau“ also sein, wenn es um Verhütung geht? Käme einem nicht eher „leidenschaftlich“ in den Sinn, hat die Sache nicht mehr mit Lust statt mit Frust zu tun? Und dann fiel uns da noch ein forscher Forscher-Satz auf: „Man muss die Frau nur ordentlich stressen, dann ist die Ovulation weg“. Aha, „ordentlicher Stress“ als Grundlage der Verhütung wird billigend in Kauf genommen. Mit Worten jedenfalls.
Die WHO-Verhütungs-Studie an Männern gilt Nieschlag und anderen an sich als ein Erfolg, und zwar deshalb, weil es genauso wenige Schwangerschaften wie bei der Pille für die Frau gab. Kann man es nicht auch ganz anders deuten: Sind Männer vielleicht viel selbstbewusster und sagen – „Nein! – Um diesen Preis will ich nicht verhüten?“ Könnte es sein, dass die Männer nicht nur spüren, dass dieser Eingriff in den Hormonhaushalt ihnen nicht gut tut, sondern auch die Konsequenzen ziehen? Die Behandelten machen so den Ärzten klar, dass das Preis-Leistungsverhältnis bei dieser Art der Verhütung für sie nicht stimmt. Sie bringen das so zum Ausdruck, dass die Studie als Misserfolg gilt und abgebrochen werden musste. Könnte darin nicht der eigentliche Erfolg dieser Sache liegen? 

Quelle: Interview

www.plichtlektuere.com/24.02/2012/die-pille-fuer-den-mann-warum-eigentlich-nicht